Essstörung | Eating disorder

Essstörung – der Kampf gegen den eigenen Körper


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Ob Anorexie, Bulimie oder Binge Eating: Essstörungen nehmen weltweit zu. Sie bezeichnen Verhaltensstörungen rund um das Essen mit schweren gesundheitlichen und psychischen Folgen. Drei Jahre meines Lebens habe auch ich mit einer Essstörung gekämpft. Ich habe lange überlegt, ob ich ein derart privates Thema in meinem Blog aufgreife. Jedoch sehe ich diese Phase in meinem Leben nicht mehr mit Scham, sondern mit Stolz an. Ich habe die Essstörung bewältigt und möchte mit meiner Erfahrung denjenigen Mut machen, die selbst mit einer Essstörung kämpfen.

Wie entstehen Essstörungen?

Essstörungen entwickeln sich meist in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter. Auslöser ist meist ein geringes Selbstwertgefühl, das sehr stark vom Äußeren abhängig ist. Aber auch individuelle Ursachen wie die Neigung zu Perfektionismus und soziokulturelle Ursachen wie das durch die Medien geprägte Schönheitsideal können eine Essstörung auslösen. Auf der Suche nach den Wurzeln meiner Essstörung komme ich immer auf Kindheits- und Jugenderinnerungen zurück: Der Ballettunterricht, wo mich die urteilenden Augen der dünnen Kinder schier aufgefressen haben. Die chinesische Schule, wo ich mich inmitten von jungen Kindern für meinen frühreifen Körper geschämt habe. Und nicht zuletzt die Trennung von meiner ersten Liebe, die mir jeden Zentimeter meines Selbstbewusstseins geraubt hat. Es waren Zeiten, in denen die Essanfälle meine unerwünschten Gefühle wie Angst, Frust und Wut reguliert haben. Die vermeintliche Regulation sorgt am Ende jedoch nur zu Depression und Scham. 

Welche Essstörungen gibt es?

Im Wesentlichen lassen sich Essstörungen in vier Gruppen einteilen: Magersucht, Ess-Brech-Sucht, Esssucht und die Gruppe der nicht näher bezeichneten Essstörung. Ich war von der Ess-Brech-Sucht, der sogenannten Bulimie betroffen. Menschen, die von einer Bulimie leiden, haben oftmals Normalgewicht, wirken sportlich und scheinen sich sehr gesund zu ernähren. Das ist auch das Gefährliche an der Bulimie. Sie ist weniger am Körpergewicht erkennbar als andere Essstörungen wie die Magersucht und Esssucht. So haben meine Freunde es mir nie angemerkt, dass ich innerlich gelitten habe, sobald ich etwas Ungesundes gegessen habe. Mein strikter Ernährungsplan erlaubte mir keine Fehltritte und war auf 700 Kalorien pro Tag begrenzt – viel zu wenig für eine 17-jährige junge Frau. Verbotenes führt bekanntlich zu Gelüsten. Von Heißhunger geprägt, entstanden Essattacken, in denen ich in einem kurzen Zeitraum ungewöhnlich große Nahrungsmengen verzehrt habe. Während dieser Essattacken hatte ich keine Kontrolle mehr darauf, was und wie viel ich esse. Gegessen wird, bis der Körper nicht mehr kann. Aus Angst vor einer Gewichtszunahme traf ich nach jeder Essattacke gewichtsreduzierende Maßnahmen und hatte somit viele Brech-Anfälle. Was mir nicht bewusst war, waren die Folgen einer Bulimie. Durch den Nährstoffmangel hatte ich eingerissene Mundwinkel, durch die Magensäure wurden meine Zähne angegriffen und durch die vermehrte Produktion von Speichel durch die Ohrspeicheldrüse hatte ich “Hamsterbacken“ und schlimme Ohrschmerzen. Deshalb möchte ich die Betroffenen unter euch fragen, ist es das wert? Bitte nehmt die Folgen genauso ernst wie die Krankheit selbst.

Wie kann man Betroffenen helfen?

Betroffene holen sich oft aus Scham, Schuldgefühlen und aus Angst der Stigmatisierung keine Hilfe. Ich lies mir auch nicht helfen. Bis zu dem Abend, als ich vor Schmerz auf dem Boden meiner Küche saß und um mich die leeren Keksschachteln, die aufgerissene Chipstüte und die Wurstscheiben sah. Ich konnte kaum aufstehen, weil mein Magen überfüllt war. Mein Hals brannte vom Kotzen und ich sah das erste Mal meinem Problem ins Auge. So entschloss ich mich meinem Freund von meiner Essstörung zu erzählen. Das Gespräch war befreiend. Jahrelang habe ich das Problem verheimlicht und musste mich immer in die Küche schleichen, damit mich keiner bei einer Essattacke erwischen kann. Das Gespräch war es auch, das mich zu einer Online-Therapie führte. Online-Therapien erfolgen anonym und flexibel über das Internet. Sie werden von der Krankenkasse bezahlt und legen den Grundstein für eine psychotherapeutische Behandlung. Da ich mich für meine Essstörung schämte, war diese Art der Therapie perfekt, um mich frei von Urteilen meinem Problem zu widmen. Ich empfehle Selfapy, eine 12 Wochen lange Online-Therapie, in der Betroffene interaktive Aufgaben abarbeiten und mit ihrem Therapeut per Chat in Kontakt kommen. Dort gibt es auch informativen Lesestoff und spannende Videos, die darauf abzielen, den Betroffenen alternative Bewältigungsstrategien beizubringen.

Wie kann man eine Essstörung bewältigen?

Da Menschen mit einer Essstörung auf Stress und emotionale Situationen mit einem gestörten Essverhalten reagieren, ist es wichtig, alternative Bewältigungsstrategien zu finden. Das können Freunde oder Familienangehörige sein, die einfach zuhören und für einen da sind, sobald sich eine Essattacke aufstaut. Das kann aber auch eine Online-Therapie sein, die einem hilft, mit Stress und starken Emotionen umzugehen, ohne zum Essen greifen zu müssen. Aber am wichtigsten ist es, den eigenen mentalen Schalter zu finden, der einen stoppt, weiterhin so zu leben. Für mich war es die Erkenntnis, dass dünn sein nicht alles ist. Einen schönen Po und ein Training mit Resultaten bekommt man nur mit einer ausreichender Ernährung. Eine gute Beziehung funktioniert nur, wenn man nicht ständig gereizt und müde ist. Und letztlich funktioniert eine gesunde Ernährung nur, wenn man aufhört, seine tägliche Kalorienzufuhr zwanghaft zu kontrollieren. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht mehr gesund ernährt. Ich esse immer noch sehr gesund, jedoch esse ich auch mal eine ganze Pizza, wenn mein Körper danach verlangt. Auch schätze ich einfach die Vorteile, ohne eine Essstörung zu leben. Ich bin nicht mehr ständig niedergeschlagen, meine sozialen Kontakte haben sich verbessert und ich bin endlich auf dem Weg, meinen Körper lieben zu lernen.

Ich hoffe, dieser persönliche Ausschnitt meines Lebens hilft denjenigen unter euch, die selbst mit einer Essstörung kämpfen. Ich weiß, dass es Momente geben wird, in denen ihr wieder von vorne anfangen müsst, weil eine Essattacke aufgekommen ist. Aber ich glaube an euch und ich weiß ihr werdet das schaffen! 🧡


Eating disorder – the fight against the own body


English Version

Whether anorexia, bulimia, or binge eating: eating disorders are on the rise worldwide. They denote behavioral disorders related to eating with severe health and psychological consequences. For three years of my life, I also struggled with an eating disorder. I have long considered whether to take up such a private topic in my blog. However, I no longer look at this phase in my life with shame, but with pride. I have overcome the eating disorder and would like to use my experience to encourage those who are struggling with an eating disorder themselves.

How do eating disorders develop?

Eating disorders usually develop in adolescence or early adulthood. The trigger is usually low self-esteem, which is very strongly dependent on appearance. But individual causes such as a tendency to perfectionism and sociocultural causes such as the ideal of beauty shaped by the media can also trigger an eating disorder. When searching for the roots of my eating disorder, I always come back to childhood and youth memories: ballet class, where the judging eyes of the skinny kids nearly ate me up. Chinese school, where I was ashamed of my precocious body in the midst of young children. And last but not least, the breakup with my first love that robbed every inch of my self-confidence. These were times when binge eating regulated my unwanted feelings of anxiety, frustration, and anger. However, the supposed regulation only provides depression and shame in the end.

What eating disorders exist?

Essentially, eating disorders can be divided into four groups: Anorexia, binge eating disorder, binge eating disorder, and the unspecified eating disorder group. I was affected by a binge eating disorder called bulimia. People who suffer from bulimia often have normal weight, appear athletic, and seem to eat very healthily. This is also what is dangerous about bulimia. It is less recognizable by body weight than other eating disorders such as anorexia and binge eating. So my friends never noticed that I suffered inside as soon as I ate something unhealthy. My strict diet plan did not allow me to make any missteps and was limited to 700 calories a day – far too few for a 17-year-old young woman. Forbidden foods, as we all know, lead to cravings. Characterized by ravenous hunger, eating binges developed in which I consumed unusually large amounts of food in a short period. During these eating attacks, I no longer had any control over what and how much I ate. Eating until the body couldn’t take any more. Fearing weight gain, I took weight-reducing measures after each binge eating episode and thus had many bouts of vomiting. What I didn’t realize were the consequences of bulimia. Due to the lack of nutrients, I had torn corners of my mouth, due to the stomach acid my teeth were attacked and due to the increased production of saliva by the parotid gland, I had „hamster cheeks“ and bad ear pain. So I would like to ask those of you who are affected, is it worth it? Please take the consequences as seriously as the disease itself.

How to help those affected?

Those affected often do not seek help out of shame, guilt, and fear of stigmatization. I didn’t get help either. Until that evening, when I sat on the floor of my kitchen in pain, looking around me at the empty boxes of cookies, the torn open bag of chips, and the slices of sausage. I could barely stand up because my stomach was overflowing. My throat was burning from throwing up and I was facing my problem for the first time. So I decided to tell my friend about my eating disorder. The conversation was liberating. For years I hid the problem and always had to sneak into the kitchen so no one could catch me during an eating attack. It was that conversation that led me to online therapy. Online therapies take place anonymously and flexibly via the Internet. They are paid for by health insurance and lay the foundation for psychotherapeutic treatment. Since I was ashamed of my eating disorder, this type of therapy was perfect for me to dedicate myself to my problem-free of judgment. I recommend Selfapy, a 12-week online therapy in which sufferers complete interactive assignments and connect with their therapist via chat. There’s also informative reading material and engaging videos there aimed at teaching sufferers alternative coping strategies.

How can you overcome an eating disorder?

Since people with an eating disorder react to stress and emotional situations with disturbed eating behavior, it is important to find alternative coping strategies. This can be friends or family members who simply listen and are there for one as soon as an eating attack builds up. It can also be online therapy that helps one deal with stress and strong emotions without having to resort to food. But most importantly, it’s finding your own mental switch that stops you from continuing to live that way. For me, it was realizing that being thin isn’t everything. You can only get a nice butt and workout with results if you eat enough. A good relationship only works if you are not irritable and tired all the time. And ultimately, a healthy diet only works if you stop obsessively controlling your daily calorie intake. That doesn’t mean you stop eating healthy. I still eat very healthily, however, I do eat an entire pizza from time to time when my body calls for it. Also, I just appreciate the benefits of living without an eating disorder. I’m no longer constantly depressed, my social contacts have improved and I’m finally on my way to learn to love my body.

I hope this personal snippet of my life helps those of you who are struggling with an eating disorder yourself. I know that there will be moments when you have to start all over again because an eating attack has come up. But I believe in you guys and I know you will get through this! 🧡

Veröffentlicht von Eileen Wagner

20, Journalismus Studentin in Stuttgart

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