Victim Blaming | Täter-Opfer-Umkehr

Victim Blaming: Wie Opfer zu Tätern gemacht werden


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„Du schminkst dich zu stark. Dein Rock war zu kurz. Warum gehst du nachts auch alleine raus?“ Diese weitverbreitete Strategie, Opfern sexueller Gewalt Mitschuld an den erlittenen Übergriffen zu geben, hat einen eigenen Namen: Victim Blaming bzw. die Täter-Opfer-Umkehr. Hier wird dem Betroffenen einer Diskriminierung, eines körperlichen Übergriffes oder eines rassistischen Erlebnisses die Schuld für das Erfahrene zugeschrieben. Betroffene von Victim Blaming müssen auf diese Weise doppelt leiden: Einmal durch das erlebte Unrecht und einmal durch die Täter-Opfer-Umkehr. Wie es dazu kommen kann, möchte ich im folgenden Blogbeitrag erläutern.

Ursprung des Victim Blamings

Verbreitet wurde der Begriff Victim Blaming in den 1970er-Jahren als Taktik von Verteidigern in Vergewaltigungsprozessen, um dem Vergewaltigungsopfern die Schuld an der Tat zuzuschreiben und den Angeklagten zu entlasten. So gab es 2018 den skandalösen Freispruch in einem Vergewaltigungsfall, bei dem die Begründung des Richters wie folgt lautete: Die Spitzenunterwäsche der Klägerin wird von der Verteidigung als Zeichen der Freizügigkeit der jungen Frau angesehen. Als Gegenbewegung entstand der Hashtag #ThisIsNotConsent, unter dem Frauen aus der ganzen Welt online Fotos ihrer Unterwäsche teilten, um sich solidarisch mit der jungen Frau zu zeigen. Außerdem bringt diese Bewegung zum Ausdruck, dass Kleidung und Unterwäsche nicht mit sexualisierter Gewalt in Verbindung gebracht werden sollte. 

Unterbewusste Denkprozesse in der Gesellschaft

Ein Grund, warum Menschen zu einer Opferbeschuldigung neigen ist, weil sie sich sicherer fühlen, wenn sie fälschlicherweise glauben, dass die Person, die die Aggression erlitten hat, verantwortlich für ihre Misshandlung sei. Denn dann können sie sich vormachen, dass sie die Situation unter Kontrolle haben. Mit anderen Worten, Menschen glauben, sie seien sicher, solange sie das „Richtige“ tun, nicht die selben „Fehler“ machen wie das Opfer und somit keine Gewaltdelikte auslösen. Sie denken: „Wenn ich mich nicht so verhalte wie sie, wird mir das nie passieren“. Dieser Fehlschluss führt dazu, dass in unserer Gesellschaft vor allem bei sexuellen Übergriffen oft das Opfer beschuldigt wird.

Problem des Selbstschutzes

Insbesondere im Zusammenhang mit der Vergewaltigung von Frauen verlangt die Gesellschaft, dass Frauen etwas tun sollten, um die sexualisierte Gewalt vorzubeugen. Dabei sollten wir uns auf die potenziellen Täter und die in der Gesellschaft verankerten Werte konzentrieren. So gibt es die Mutter, die ihrer Tochter rät, lieber das Outfit zu wechseln, um nichts zu riskieren. Oder die Freundinnen, die sich Pfefferspray schenken, um nachts noch alleine feiern gehen zu können. Solche Schutzvorkehrungen sind natürlich gut und wichtig. Frauen dürfen wadenlange Kleider tragen, Pfeffersprays besitzen und Selbstverteidigungskurse machen. Aber sie sollten es nicht müssen. Denn das stärkt nur den Irrglauben, dass Frauen, die nicht alle Anforderungen erfüllen, selbst Mitschuld an dem Übergriff sind. 

Victim Blaming außerhalb von Sexualstraftaten

Neben Sexualstraftaten finden sich die Opferbeschuldigungen auch bei Gewalttaten und Straftaten mit rassistischem Hintergrund. Bei dieser Art des Victim Blamings findet oft das sogenannte Reverse Racism statt. Dies kann der Fall sein, wenn Betroffene auf rassistische Strukturen hinweisen und ihnen daraufhin weiße Ansprechpersonen entgegnen, dass dieses Verhalten rassistisch ist. Mit der Taktik des Reverse Racism entziehen sie den eigentlichen Opfern ihr über Jahrhunderte erlebtes Leid und stellen sie als Rassisten dar. Natürlich sind auch weiße Menschen von Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung betroffen – von rassistischer Diskriminierung und Gewalt aufgrund ihrer Hautfarbe allerdings nicht. 

Menschen, die sexuelle Gewalt erleben, empfinden oft Scham, erfahren ein Trauma und machen sich schließlich Vorwürfe nicht gehandelt zu haben. Wir sollten ihnen nicht noch mehr Schuldgefühle geben und sie genauso nicht lehren, nicht vergewaltigt zu werden. Ganz im Gegenteil, wir sollten lieber den Tätern beibringen, nicht zu vergewaltigen. 💜


Victim Blaming: How victims are turned into perpetrators


English Version

„You put too much makeup on. Your skirt was too short. Why do you go out alone at night?“ This widespread strategy of blaming victims of sexual violence for the assaults they have suffered has its name: Victim Blaming or The Perpetrator-Victim Reversal. Here, the victim of discrimination, physical assault, or racist experience is blamed for what was experienced. Victims suffer twice in this way: Once by the experienced injustice and once by the perpetrator-victim reversal. I would like to explain how this can happen in the following blog post.

Origin of Victim Blaming

Victim blaming became widespread in the 1970s as a tactic used by defense lawyers in rape trials to blame the rape victim for the crime and exonerate the defendant. In 2018, for example, there was the scandalous acquittal in a rape case in which the judge’s reasoning was as follows: the plaintiff’s lacy underwear was seen by the defense as a sign of the young woman’s permissiveness. As a counter-movement, the hashtag #ThisIsNotConsent was created, under which women from all over the world shared online photos of their underwear to show solidarity with the young woman. Besides, this movement expresses that clothing and underwear should not be associated with sexual violence.

Subconscious thought processes in society

One reason people tend to victim-blame is that they feel safe when they falsely believe that the person who suffered the aggression is responsible for their mistreatment. Because they can then delude themselves that they are in control of the situation. In other words, people believe they are safe as long as they do the „right thing,“ do not make the same „mistakes“ as the victim, and thus do not initiate violent crime. They think, „If I don’t act like them, it will never happen to me.“ This misconception leads to the fact that in our society, especially in cases of sexual assault, the victim is often blamed.

Problem of self-protection

Especially in the context of rape of women, society demands that women should do something to prevent sexual violence. In contrast, we should focus on the potential aggressors and the values embedded in society. For example, there is the mother who advises her daughter to rather change her outfit in order not to risk anything. Or the girlfriends who give themselves pepper spray so that they can still go out alone at night to party. Of course, such protective measures are good and important. Women are allowed to wear calf-length dresses, own pepper sprays, and take self-defense classes. But they shouldn’t have to. Because this only reinforces the misconception that women who don’t meet all the requirements are themselves to blame for the assault.

Victim Blaming outside of sex offenses

In addition to sexual offenses, victim blaming is also found in violent crimes and crimes with a racist background. In this type of victim blaming, so-called reverse racism often takes place. This can be the case when victims point out racist structures and white contact persons reply to them that this behavior is racist. By using the tactic of reverse racism, they deprive the actual victims of the suffering they have experienced over centuries and portray them as racists. Of course, white people are also affected by prejudice, stereotypes, and discrimination – but not by racial discrimination and violence based on the color of their skin.

People who experience sexual violence often feel shame, experience trauma, and eventually blame themselves for not acting. We should not make them feel even more guilty, and in the same way, we should not teach them not to get raped. On the contrary, we should rather teach the perpetrators not to rape. 💜

Veröffentlicht von Eileen Wagner

20, Journalismus Studentin in Stuttgart

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